Eröffnungsgottesdienst

 

Eröffnungsgottesdienst zum Projekt: "Du hast Würde"

 
War es vor 115 Jahren Kaiser Wilhelm II., der im festlich geschmückten Sigmaringer Bahnhof von den Honoratioren der Stadt empfangen wurde, so begrüßten an einem Samstagabend kürzlich erneut viele Menschen aus Sigmaringen und den umliegenden Gemeinden die Ankunft königlicher Gäste. Gemeindemitglieder beider christlicher Kirchen gestalteten an diesem außergewöhnlichen Ort zu Ehren einer Königin und eines Königs einen Gottesdienst der besonderen Art.
Ausgeschickt als Botschafter der unumstößlichen Menschenwürde stellte Gemeindereferentin Regina Schmucker in der weiß gekachelten, mit grellem Licht ausgeleuchteten Bahnhofshalle auf einem rot und golden drapierten Podest die grob geschnitzten Holzfiguren vor.
Ihr unperfektes Aussehen, ihr bescheidenes Auftreten ist beabsichtigt, weist es doch auf die Risse, die Unzulänglichkeiten und die Verletzlichkeiten jedes einzelnen Menschen hin. Erst auf den zweiten Blick bemerkt man abseits der Figuren die Kronen, das Zeichen ihrer Würde. Sie versinnbildlichen die Würde, die jedem Mensch zu eigen ist, und die aufgrund globaler Herausforderungen wie Krieg, Hunger, Armut, soziale Ungerechtigkeit sowie mangelnde Wertschätzung häufig bedroht ist.
Beispielhaft stellten vier Frauen ihre Erlebnisse, Erfahrungen und Stellungnahmen zum Thema Menschenwürde vor.
So schilderte Josefine das mühsame Leben einer Frau, die in Sigmaringen in einer feuchten Sozialwohnung lebt, sich schämt, finanzielle Unterstützung anzunehmen und deren Krone bei ihren vergeblichen Bemühungen, eine andere Wohnung zu finden, immer mehr verblasst.
Chantal, die im Second-Hand-Laden KleiderReich arbeitet, trifft dort auf nicht wenige Menschen, die sich würdelos fühlen. Diesen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, sie bewusst anzunehmen und „mit wunderschönen Klamotten“ zu verabschieden, ist ihr eine Herzensangelegenheit.
Maritta sieht die Aufgabe der Pädagogen darin, junge Menschen erfahren zu lassen, was Würde ist und wie sie diese Würde, ihre eigene und die der anderen, schützen und stärken können.
Ein persönliches Statement von Olena aus der Nähe von Kiew berührte die Anwesenden. „Würde ist für mich die Freiheit zu wählen, was ich für richtig halte. Ich bin würdig, wenn ich weiß, dass ich das Recht habe dort zu sein, wo ich bin. Ich bin würdig, wenn ich stolz darauf bin, Ukrainerin, Frau und Mensch zu sein.“
Mit einem Zitat aus dem Buch des Propheten Jesaja zum Thema Menschenwürde setzte Pfarrer Matthias Ströhle den Gottesdienst fort.
Mit den ersten vier Artikeln des Grundgesetzes, der Unantastbarkeit der Würde des Menschen, dem Recht auf freie Entfaltung und Gleichberechtigung, der Glaubens- und Gewissensfreiheit befassten sich die Fürbitten.
Nach dem letzten gemeinsam gesungenen, mit Gitarre und Querflöte begleiteten Lied verabschiedete Regina Schmucker den König samt der Hoffnungskerze nach Sigmaringendorf. Dort wird er in den kommenden Wochen von Haus zu Haus gehen und an den verschiedenen Orten auf seine Weise wirken.
Der erste Aufenthaltsort der Königin ist das Bildungszentrum Gorheim, das zu einer Ausstellung zum Thema Menschenrechte einlädt. Rund um das Projekt wird es auch eine Schreibwerkstatt geben, die von der Schreibpädagogin Josefine Barbara Renner geleitet wird.
Elisabeth Weiger